"Damit kann nichts gutgemacht werden" – Steuergeschenke auf Grundnahrungsmittel in Kraft
4,9 statt zehn Prozent – seit Juli gilt der reduzierte Steuersatz auf Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch und Butter. Die "VN" haben sich die Preise angeschaut und bei Händlern nachgefragt, was die Umstellung bedeutet.
2,89 Euro kostete am Mittwoch in einem regionalen Supermarkt im Unterland Butter aus einer kleinen Vorarlberger Sennerei. Am Montag waren es noch 2,99 Euro – denn mit dem 1. Juli traten neue Mehrwertsteuerregeln in Kraft. Ein Lokalaugenschein in den wichtigsten Handelsketten im Ländle zeigt: Die Steuersenkung wird direkt an die Kunden weitergegeben. Dies führt hin und wieder zu recht unrunden Endpreisen, so kostet der Liter Milch aus Feldkirch etwa 1,61 Euro, Knoblauch 3,13 Euro. Doch zufrieden ist nicht jeder.
Josef "Pepi" Böhm (86) geht oft in Lustenau einkaufen. "Was 25 Jahre unnütz an Geld ausgegeben wurde, glauben Sie jetzt wieder reinholen zu können", schimpft der Pensionist. "Aber die allgemeinen Preissteigerungen und Verfehlungen können damit nicht gutgemacht werden." Böhm sagt, er habe ein gutes Auskommen und könne sich hohe Preise leisten. "Wie viel wird die Senkung wohl sein? 1,50 Euro pro Einkauf? Das ist doch Blödsinn", schimpft ein weiterer Lustenauer vor dem Supermarkt.
Andere Einkäufer zeigen Mitleid mit den Angestellten, "die das verrechnen und neu bepreisen müssen". Dass die Geldtasche nach dem Einkauf voller bleibt, hat am ersten Tag der Mehrwertsteuersenkung aber niemand bemerkt. Das ist auch nicht verwunderlich: Die Senkung der Mehrwertsteuer bei "ausgewählten Grundnahrungsmitteln" von zehn auf 4,9 Prozent soll einem durchschnittlichen Haushalt 100 Euro pro Jahr einsparen – das sind rund zwei Euro pro Woche.
Händler investierten viel Zeit
Nicht nur auf der Konsumentenseite erzeugt die Steuerregel Bauchgrummeln. Auch Sebastian Fröhlich, Leiter der Verwaltung der Bäckerei Mangold, hat in den vergangenen zwei Monaten "viele, viele Stunden" in die Umstellung in den 42 Filialen investiert. Er erklärt die Schwierigkeit, der sich die Bäcker ausgesetzt sehen: "Sobald gewisse Inhaltsstoffe drin sind wie Körner oder mehr Butter, wird die Mehrwertsteuer nicht gesenkt."
Es komme auf die Zusammensetzung an: Habe ein anderer Bäcker eine andere Rezeptur, gelte für ihn die Senkung für dasselbe Produkt nicht. Er rechnet vor: "Bei einer Handsemmel oder einem Kleinbrot macht die Senkung vielleicht drei oder vier Eurocent aus."
"Da sind immer noch viele Fragezeichen. Es war schwierig, früh Infos zu bekommen, worauf die Steuersenkung angewandt wird", erzählt Fröhlich. Am Dienstag wurden die neuen Preisschilder an alle Filialen ausgeliefert und am Mittwochmorgen angebracht. "Die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme kann man sicher infrage stellen", sagt er vorsichtig. Vor allem für kleine Nahversorger bedeute diese Neuberechnung einen gewaltigen Aufwand.
Auswahl der Produkte "nicht ganz logisch"
"Vor allem die IT-Umprogrammierung war ein enormer Aufwand", berichtet die Lebensmittelkette Spar auf VN-Anfrage. "Zudem mussten in ganz Österreich bei den Märkten, die keine elektronischen Regaletiketten haben, über 1,6 Mio. Papieretiketten neu gesteckt werden." Die Umstellung kostete Spar insgesamt zwei Millionen Euro.
Wenn der Preis eines Produkts nach der Senkung teurer sei, liege das an der "Preiserhöhung seitens des Lieferanten", informiert Spar auf seiner Webseite. Auch Ernte-, Herstellungs- und Lieferbedingungen seien für steigende Preise kurz vor der Mehrwertsteuersenkung verantwortlich. Auch für die Handelskette ist die Auswahl der Produkte "leider nicht immer ganz logisch".
Durch die Senkung entgehen der Regierung 2026 rund 200 Millionen Steuereinnahmen und ab 2027 rund 400 Millionen Euro. Die Maßnahme werde aber "vollständig gegenfinanziert", heißt es aus dem Bundeskanzleramt – unter anderem durch die Einführung der Paketsteuer.
(VOL.AT/Isabel Lochbühler)