"Landwirtin sein ist eine Berufung - davon zu leben ist herausfordernd“
Ein spürbarer Frust schwingt mit, wenn Esther Bitschau aus Bartholomäberg über die vielen Anforderungen und Regularien spricht, denen sie als Landwirtin gerecht werden muss. Die 44-Jährige führt mit ihrem Mann Andreas seit Anfang der 2000er Jahre einen Hof und lebt dort mit ihren Töchtern (10 und 16), Mutterkühen, Kälbern, Enten, Hühnern und Hasen. Den Frust teilt Bitschnau, die im März 2025 zur Landesbäuerin der Landwirtschaftskammer (LK) Vorarlberg gewählt wurde, mit vielen Landwirten.
Sich über die Herausforderungen und Schwierigkeiten auszutauschen ist die Idee des Bundesbäuerinnentags, zu dem die LK Vorarlberg diese Woche ins Montforthaus in Feldkirch einlädt. In Österreich werden immer weniger Menschen Landwirte, in ganzen Tälern in Vorarlberg liegen Hektar brach und werden Jahr für Jahr mehr Höfe geschlossen, klagt Bitschnau. Und die Gründe dafür seien nicht neu: "Ich verstehe einfach nicht, warum sich dieses System nicht ändert. Man muss immer wieder dieselben Formeln vorbeten – und es ändert sich nicht wirklich etwas."
"Können uns nicht mehr auf die eigentliche Arbeit konzentrieren"
In den letzten Jahren hätten sich die Erzeugerpreise durch höhere Preise für Futtermittel, Energie, Diesel, Reparaturen verdoppelt. Biobetriebe haben zusätzlich verschärfte Auflagen: längere Wartezeiten vor der Schlachtung, strengere Haltungsvorschriften und teurere Fütterung. "Einnahmen und Ausgaben stimmen nicht mehr zusammen", sagt die Landesbäuerin.
Dazu bürden EU-Regularien wie das Renaturierungsgesetz und die Entwaldungsverordnung Betrieben bürokratische Last auf. "Wir können uns auf die eigentliche Arbeit nicht mehr konzentrieren. Und während wir Formulare ausfüllen, schwemmt ein Handelsabkommen billige Lebensmittel in unseren Handel." Gemeint ist das Mercosur-Abkommen, das den Import von Fleisch aus Südamerika erleichtert, das nicht nach EU-Standards produziert wurde.
Bitschnaus Gegenstrategie: Direktvermarktung mit Biofleisch – und das Schärfen des öffentlichen Bewusstseins. Der Kontakt zum Kunden, das Vertrauen, das dabei entsteht, sei durch keinen Supermarktpreis zu ersetzen. "Wenn der Konsument weiß, welche Familie dahintersteht, welche Haltungsform und welcher Aufwand – dann ist er eher bereit, einen fairen Preis zu zahlen", ist die 44-Jährige sicher.
Bäuerinnen sind oft weniger sichtbar - und benachteiligt
Als ausgebildete Kindergartenpädagogin heiratete Bitschau in den Familienbetrieb ihres Mannes ein: "Er sagte immer: 'Ich habe die Landwirtschaft, du gehst als Kindergärtnerin arbeiten. Ich bin froh, wenn du beim Heuen hilfst.'" Diese Haltung ließ ihr den Raum, in das neue Leben hineinzuwachsen.
Ihr Weg zeigt auch, wie viel auf den Schultern von Bäuerinnen lastet. Während ihr Mann 2009 seinen Job aufgab und Vollerwerbslandwirt wurde, arbeitete Bitschnau weiter im Kindergarten, half am Hof mit, zog die Töchter groß. 2015 stieg sie ganz in den Betrieb ein: Seitdem prägen Stallarbeit, Direktvermarktung, Öffentlichkeitsarbeit und politisches Engagement bei der LK ihren Alltag. "Das Arbeitspensum von heute hätte ich noch vor zehn Jahren nicht geschafft. Man wächst rein."
Genau diese Doppelrolle zeigt ein strukturelles Thema in der Landwirtschaft. Bäuerinnen leisten einen enormen Teil der Arbeit, ihre Mehrfachbelastung sei aber nur wenig sichtbar. Der Bundesbäuerinnentag versteht sich als Antwort darauf, will Anerkennung einfordern und Frauen in der Landwirtschaft stärken.
(VOL.AT/Isabel Lochbühler)