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Wie ein Lustenauer Tischler das Bauen neu denkt

Die Form dieser Ziegel ist kein Zufall.
Die Form dieser Ziegel ist kein Zufall. ©Philipp Steurer
Warum brechen Häuser bei Erdbeben wirklich zusammen? Fikret Buzkurt aus Lustenau suchte selbst nach Antworten.

Der Urlaub im September 2022 im türkischen Izmir war gerade zu Ende und Fikret Buzkurt auf dem Weg zum Flughafen, als ein Erdbeben ihn und seine Familie überraschte – 6,5 auf der Richterskala. "Für türkische Verhältnisse ist das ziemlich groß", erzählt er nüchtern. Die Familie hatte Glück, kam davon. Die Häuser ringsum nicht alle.

Das Ereignis ließ den Lustenauer nicht los. Zurück in Vorarlberg saß er Hunderte Stunden vor dem Bildschirm, schaute Videos über Statik, Baupläne und Erdbeben-Analysen. Der 52-Jährige, der seit 13 Jahren selbstständig als Tischler arbeitet, wollte verstehen, warum Gebäude zusammenbrechen. Er fand die Antwort im Mörtel, der Ziegel als Wand zusammenhalten soll. "Wenn sich das Haus in jede Richtung bewegt, löst sich irgendwann der Kleber. Brechen ein, zwei Ziegel heraus, hat das Haus mehr Spielraum – und bricht", erklärt Buzkurt.

Buzkurt zeigt die Vertiefungen am Ziegel, die Grundlage hinter dem Stecksystem.
Buzkurt zeigt die Vertiefungen am Ziegel, die Grundlage hinter dem Stecksystem. ©philipp steurer
Ganz einfach lassen sich die Kunststoffziegel ineinander stecken - kein Mörtel soll dafür notwendig sein.
Ganz einfach lassen sich die Kunststoffziegel ineinander stecken - kein Mörtel soll dafür notwendig sein. ©philipp steurer

Ein Lego-Stecksystem

Die Lösung des Mannes, der nie Bauingenieurwesen studiert hat, heißt Figo – eine Mischung aus seinem Vornamen Fikret und "Go", angelehnt an Lego. Das System funktioniert wie die beliebten Spielklötze: Kunststoffelemente, die ineinandergreifen, ganz ohne Mörtel oder Bindemittel. Die Stabilität entsteht durch die Konstruktion selbst: "Mein Wiener Architekt hat gesagt, ich könnte 40-mal stabilere Häuser bauen."

Modell eines Hauses, das die Ziegel aus Mauer verwendet
So werden die Ziegel ineinandergesteckt und an den Ecken für die Stabilität mit Beton gefüllt. ©Fikret Buzkurt/Uni Wien

Bei Bedarf können die Hohlräume der Ziegel mit Beton gefüllt und Eisen- oder Stahlverstärkungen erhalten – wenn die statischen Anforderungen höher sind oder bis ins zweite Stockwerk gebaut wird.

Modellierung eines Hauses, das mit den Figo-Ziegeln gebaut wurde
Eine Modellierung der Uni Wien, wie die Ziegel im Hausbau verwendet werden können. ©Fikret Buzkurt/Uni Wien

In die Elemente sind außerdem Kabelkanäle und vordefinierte Sollbruchstellen integriert, durch die Leitungen nach außen geführt werden können und nicht nachträglich gebohrt oder geflext werden muss. "Das kann jeder machen. Ineinanderstecken, draufklopfen und wenn man ein 'Klack' hört, ist es drin", demonstriert Fikret die Funktionsweise.

Kabel werden durch ausgesparte Leitungssysteme und integrierte Löcher gezogen. ©philipp steurer

Fikrets Ziel: Schnell und erdbebensicher bauen

Ein ganzes Stockwerk, das mit konventionellen Ziegeln fünf Tage dauert, soll mit Figo in zwei Tagen stehen. Das System eignet sich laut Buzkurt besonders für modulare Gebäude und den Einsatz in Erdbebengebieten.

Fikret demonstriert das einfache Stecksystem mit seinen Modellen aus Holz (hinten).
Fikret demonstriert das einfache Stecksystem mit seinen Modellen aus Holz (hinten). Vorne sind die Kunststoff-Ziegel zu sehen. ©philipp steurer

Die Ziegel bestehen aus recyceltem Kunststoff, Polypropylen und Glasfaser. Auch Kunststoffmüll könnte als Rohstoff dienen. Buzkurt hat die Erfindung patentieren lassen. Vier ähnliche Systeme existieren weltweit, die vor allem für schnelles Bauen gedacht sind: "Aber keines vereint Schnellbau, Erdbebenschutz und integrierte Haustechnik in einem", zeigt sich der Erfinder stolz.

Gespräche für die Produktion in Serie laufen

Der Weg bis zum ersten Prototyp war nicht einfach. Skepsis schlug ihm entgegen, auch aus der eigenen Familie: "Wieso erfindest du das? Warum machen das nicht Professoren?" Das höre er oft, sei ihm aber egal. Zwei Wochen arbeitete Fikret unbezahlt auf einer türkischen Baustelle, um zu verstehen, wie Häuser gebaut werden. Abends und an Wochenenden zeichnete und tüftelte er, die Erfindung ließ ihm keine Ruhe: "Ich habe nie schlafen können."

Das einfache Stecksystem der Prototypen hat der Tischler zuerst aus Holz (vorne) gebaut. ©philipp steurer

Der entscheidende Schritt, die Massenproduktion, fehlt noch. In Österreich würde ein Ziegel rund zehn Euro kosten, zu viel für den Markt. In der Türkei wären zwei bis drei Euro realistisch. Gespräche mit dem Kunststoffspezialisten Alpla und einer türkischen Baufirma laufen. Bis 2028 will Buzkurt einen Investor finden, der ihm ein bis zwei Millionen Euro gibt: "Ich will die Häuser vor mir sehen, bevor ich sterbe."

(VOL.AT/Isabel Lochbühler)

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