Gezielt vergiftet und evakuiert: Betrugsskandal am Mount Everest aufgeflogen
Was für viele das Abenteuer ihres Lebens ist, wurde für manche zur Falle: Am Mount Everest haben Ermittler ein weitreichendes Betrugsnetzwerk aufgedeckt. Im Zentrum stehen Bergführer, Trekkingagenturen, Helikopterfirmen und Krankenhäuser, die gemeinsam fingierte Rettungseinsätze organisiert haben sollen.
Laut Berichten, unter anderem der "Kathmandu Post", wurden über Jahre hinweg Notfälle inszeniert, um Versicherungen hohe Summen zu verrechnen. Insgesamt geht es um rund 20 Millionen Dollar (17 Millionen Euro). Die Betrugsmasche dürfte laut Ermittlern bereits seit 2018 laufen – und konnte selbst durch frühere Untersuchungen nicht gestoppt werden.
Perfide Methoden
Die Methoden wirken perfide. Touristen wurden demnach gezielt verunsichert oder sogar körperlich geschwächt. So sollen Bergführer Symptome der Höhenkrankheit bewusst verstärkt oder als gefährlicher dargestellt haben, etwa durch eine falsche Dosierung von Medikamenten wie Diamox.
In einzelnen Fällen berichten Ermittler sogar davon, dass Backpulver ins Essen gemischt worden sei, um Beschwerden wie Übelkeit oder Schwindel zu verstärken. Ziel war immer dasselbe: Die Bergsteiger sollten einen medizinischen Notfall glauben – oder vortäuschen – und sich zu einem teuren Helikopterflug überreden lassen.
Zwei Betrugsmaschen
Die nepalesische Polizei unterscheidet zwei zentrale Vorgehensweisen. Touristen, die den beschwerlichen Rückweg vermeiden wollten, wurden dazu gebracht, einen Notfall vorzutäuschen, um schneller per Helikopter evakuiert zu werden.
In anderen Fällen gingen die Täter einen Schritt weiter: Reisende wurden gezielt in Angst versetzt oder körperlich geschwächt, sodass sie selbst an einen medizinischen Notfall glaubten. Gerade in Höhen ab 3000 Metern, wo Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit häufig auftreten, fiel diese Täuschung besonders leicht.
300 verdächtige Flüge
Ein typisches Szenario: Mehrere Touristen werden gemeinsam mit einem Helikopter ausgeflogen. Abgerechnet wird jedoch, als hätte jede Person einen eigenen Flug benötigt.
Zusätzlich sollen medizinische Behandlungen erfunden oder doppelt verrechnet worden sein. In einem dokumentierten Fall stellte ein Krankenhaus fast 12.000 Dollar (11.000 Euro) in Rechnung – für eine Patientin, die lediglich mit einem einzigen Flug transportiert worden war.
Die Ermittler gehen davon aus, dass rund 300 Helikopterflüge manipuliert oder fingiert wurden. Zwischen den Beteiligten soll ein Provisionssystem bestanden haben: Krankenhäuser zahlten laut Polizei 20 bis 25 Prozent der Versicherungssummen an Trekkingfirmen und Flugunternehmen zurück.
32 Beschuldigte und einige auf der Flucht
Ende März wurden 32 Personen angeklagt, darunter Manager von Helikopterfirmen, Krankenhausbetreiber und Trekkingagenten. Neun von ihnen befinden sich derzeit in Haft, mehrere weitere gelten als flüchtig.
Brisant: Trotz vorhandener Hinweise, darunter Audioaufnahmen über mögliche Vertuschungsanweisungen, wurden nicht alle Verdächtigen angeklagt. Ermittler äußerten dazu Kritik an der Staatsanwaltschaft.
Boom am Everest hält an
Die vielen unnötigen Notfälle haben dem Ansturm der Touristen in den vergangenen Jahren keinen Abbruch getan. Allein 2023 vergab Nepal 478 Besteigungsbewilligungen für den Mount Everest – ein Rekordwert. Im Mai 2023 erreichten in nur einer Woche rund 500 Menschen den Gipfel. Auch insgesamt war der Andrang groß: Mehr als 1000 Genehmigungen wurden für Berge in Nepal ausgestellt.
Gleichzeitig zeigt sich die Kehrseite des Booms. Im Jahr 2023 starben 18 Menschen am Everest – so viele wie noch nie in einer Saison. Experten führen das unter anderem auf Überfüllung, schwierige Wetterbedingungen und den zunehmenden Druck während kurzer Schönwetterfenster zurück. Zudem gilt das Wetter am Berg als immer unberechenbarer.
Neue Regeln
Nach den Entwicklungen hat Nepal reagiert und strengere Vorschriften eingeführt. Künftig sollen nur noch erfahrene Bergsteiger mit Guide zugelassen werden. Zudem müssen Rettungseinsätze genauer dokumentiert werden, um Missbrauch zu verhindern.
(VOLAT)