Ketogene Crash-Diät verändert Darmflora deutlich
Die Darmmikrobiota rückt in der Adipositas-Forschung immer stärker ins Zentrum. Denn die Billionen Mikroorganismen im Verdauungstrakt beeinflussen nicht nur die Verdauung, sondern auch Stoffwechsel, Entzündungsprozesse und möglicherweise den Erfolg von Diäten. Viele Wissenschafter sehen darin einen Schlüssel für künftig personalisierte Ernährungsstrategien.
14 Studien systematisch ausgewertet
Ein chinesisches Forschungsteam hat nun untersucht, wie sich sehr kalorienarme ketogene Diäten – sogenannte Very Low-Calorie Ketogenic Diets (VLCKD) – konkret auf die Darmflora von Menschen mit Adipositas auswirken. Dafür führten die Autoren eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, EBSCOhost, Cochrane Library und Web of Science durch. Berücksichtigt wurden Studien bis Juni 2025.
Insgesamt flossen 14 Studien in die Analyse ein. Bewertet wurden unter anderem die mikrobielle Diversität im Darm sowie die relative Häufigkeit zentraler Bakteriengruppen. Zusätzlich erfolgten Subgruppenanalysen nach Body-Mass-Index (BMI), Alter und Dauer der Diät.
Mehr Vielfalt – aber weniger Bifidobakterien
Das Ergebnis: VLCKD-Interventionen verbesserten die sogenannte α-Diversität der Darmflora signifikant. Der Shannon-Index stieg im Mittel um 0,54 Punkte (95-Prozent-Konfidenzintervall: 0,03–1,04; p = 0,0378), der Faith’s Phylogenetic Diversity Index um 0,77 Punkte (95-Prozent-Konfidenzintervall: 0,36–1,18; p = 0,0002).
Auch bestimmte Bakterien nahmen deutlich zu. So stieg der Anteil des Bakterienstamms Akkermansia signifikant an (MD: 1,76; 95 % KI: 0,48–3,03; p = 0,0069). Zudem erhöhte sich das Verhältnis von Firmicutes zu Bacteroidetes (MD: 1,01; 95 % KI: 0,67–1,34; p < 0,0001).
Gleichzeitig zeigte sich jedoch eine signifikante Abnahme von probiotischen Bifidobakterien (MD: -1,23; 95 % KI: -1,81– -0,64; p < 0,0001). Diese gelten gemeinhin als gesundheitsfördernd, unter anderem für die Stabilität der Darmbarriere.
Unterschiede je nach BMI, Alter und Dauer
Die Detailanalysen zeigen ein differenziertes Bild. Der Anstieg des Shannon-Index war besonders ausgeprägt bei Studienteilnehmern mit einem BMI von höchstens 30 kg/m² sowie bei Personen über 30 Jahren.
Akkermansia nahm vor allem bei Menschen mit einem BMI zwischen 30 und 35 kg/m², bei über 40-Jährigen und bei einer Interventionsdauer von bis zu sechs Wochen zu. Der Rückgang der Bifidobakterien zeigte sich vor allem in denselben BMI- und Altersgruppen sowie bei Diätphasen von bis zu zwölf Wochen.
Potenzial – aber keine Einbahnstraße
Die Autoren kommen zum Schluss, dass sehr kalorienarme ketogene Diäten eine wirksame Möglichkeit sein könnten, die Darmmikrobiota bei Menschen mit Adipositas positiv zu beeinflussen. Gleichzeitig verdeutlichen die Daten, dass diese Ernährungsform nicht nur Vorteile bringt.
Der Rückgang nützlicher Bifidobakterien legt nahe, dass die Auswirkungen auf die Darmgesundheit nicht ausschließlich positiv sind. Entsprechend empfehlen die Wissenschafter, VLCKD mit Vorsicht einzusetzen. Künftige Studien müssten vor allem die langfristige Sicherheit dieser Diätform prüfen und personalisierte, mikrobiotabasierte Ernährungsansätze weiterentwickeln.
Fest steht: Wer an seiner Darmflora schraubt, dreht an einem sensiblen System. Und das reagiert – wie diese Analyse zeigt – komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
(VOL.AT)