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Mercosur jetzt, Indien als Nächstes? Europa sucht neue Allianzen

Wachstum und Industrie: Indien gehört zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Europa sucht engeren wirtschaftlichen Anschluss.
Wachstum und Industrie: Indien gehört zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Europa sucht engeren wirtschaftlichen Anschluss. ©Symbolfoto: KI
Indien wächst schneller als jede andere große Volkswirtschaft, hat China als bevölkerungsreichstes Land überholt und wird für Europa wirtschaftlich immer wichtiger. Nach Mercosur richtet sich der Blick der EU auf Neu-Delhi – aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen.

Europa richtet seinen Blick neu aus. Der Abschluss des Handelsabkommens mit den Mercosur-Staaten markiert weniger einen Endpunkt als einen Richtungswechsel. In einer Welt mit zunehmenden Handelskonflikten sucht die EU nach Partnern, die wirtschaftliches Wachstum mit politischer Berechenbarkeit verbinden.

Einer dieser Partner ist Indien.

Warum Indien? Vier Gründe, die Europa interessieren

Indien ist mittlerweile das bevölkerungsreichste Land der Welt. Mehr als 1,4 Milliarden Menschen leben dort – viele davon im erwerbsfähigen Alter. Das unterscheidet Indien deutlich von Europa und auch von China, wo die Bevölkerung altert oder schrumpft.

Für Europa ist das aus mehreren Gründen relevant:

  • Wachsender Binnenmarkt statt schrumpfender Nachfrage
  • Junge Bevölkerung, die Konsum und Investitionen antreibt
  • Langfristiges Wachstumspotenzial, nicht nur kurzfristige Konjunktur
  • Stabile politische Ordnung mit klarer wirtschaftlicher Steuerung

Ein Wachstumsmarkt mit Tempo

Indien gehört zu den am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften weltweit.

  • BIP-Wachstum 2024/25: rund 6,5 %
  • Prognose 2025/26: etwa 7,4 %
  • Damit wächst Indien deutlich schneller als:
    • die EU
    • die USA
    • China

Getragen wird dieses Wachstum vor allem durch:

  • eine robuste Inlandsnachfrage,
  • steigende private Investitionen,
  • umfangreiche staatliche Infrastrukturprogramme.

Für europäische Unternehmen bedeutet das:
Indien ist kein fernes Zukunftsversprechen mehr, sondern ein Markt, der bereits heute an Bedeutung gewinnt – als Produktionsstandort und als Absatzmarkt.

Indiens Industrie: weniger Werkbank, mehr Wertschöpfung

Indiens Wirtschaft wird oft noch als Niedriglohnstandort wahrgenommen. Tatsächlich hat sich die industrielle Basis in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Der Staat treibt gezielt den Aufbau von Wertschöpfungsketten voran – mit Förderprogrammen, Infrastrukturinvestitionen und klaren industriepolitischen Zielen.

Besonders relevant für Europa sind dabei mehrere Bereiche:

  • Maschinen- und Anlagenbau:
    Indien investiert massiv in Energie, Verkehr, Wasser und Digitalisierung. Europäische Anbieter gelten in vielen dieser Bereiche als technologisch führend.
  • Automobil- und Zulieferindustrie:
    Indien ist einer der größten Fahrzeugmärkte der Welt. Der Fokus verschiebt sich zunehmend auf Elektromobilität, Batterietechnik und lokale Produktion.
  • Chemie und Pharma:
    Das Land ist ein globaler Schlüsselproduzent, vor allem bei Vorprodukten und Generika. Gleichzeitig wächst der Bedarf an moderner Produktions- und Labortechnik.
  • Elektronik- und Halbleiternahen Industrie:
    Indien versucht, Abhängigkeiten von China zu reduzieren und eigene Kapazitäten aufzubauen – unterstützt durch staatliche Förderprogramme.
  • IT- und industrienahe Dienstleistungen:
    Software, Engineering, digitale Planung und Wartung sind eng mit der Industrie verknüpft und ein zentraler Wettbewerbsvorteil Indiens.

Für europäische Unternehmen ist das entscheidend:
Indien ist nicht nur ein Absatzmarkt, sondern zunehmend auch ein Industriepartner – mit wachsender technologischer Tiefe und politischem Interesse an langfristiger Kooperation.

Handel mit Substanz – aber nicht ohne Hürden

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und Indien sind in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen:

  • Warenhandel: rund 120 Milliarden Euro pro Jahr
  • Dienstleistungshandel: knapp 60 Milliarden Euro
  • Die EU ist damit Indiens zweitgrößter Handelspartner

Gleichzeitig bleibt der Marktzugang schwierig. Indien schützt Teile seiner Industrie weiterhin stark.

Das zeigt sich unter anderem durch:

  • hohe Importzölle,
  • komplexe Zulassungsverfahren,
  • politisch gesteuerte Industriepolitik.

Für europäische Unternehmen ist das oft ein Hemmnis.
Für Indien ist es ein bewusst eingesetztes Instrument, um Wachstum zu steuern und soziale Verwerfungen zu vermeiden.

Ein Abkommen mit offenem Ausgang

Seit 2022 verhandeln Brüssel und Neu-Delhi erneut über ein Freihandelsabkommen. Beide Seiten sprechen von Fortschritten – und von schwierigen letzten Metern.

Besonders sensibel sind die Themen:

  • Industrie und Marktzugang
  • Dienstleistungen und Fachkräfte
  • Investitionen und rechtliche Absicherung
  • Umwelt- und Sozialstandards

Ein schneller Abschluss gilt deshalb als unwahrscheinlich. Beobachter rechnen eher mit:

  • Teilvereinbarungen,
  • langen Übergangsfristen,
  • pragmatischen Kompromissen.

Weniger Symbolpolitik, mehr Detailarbeit.

Warum Indien für Europa immer wichtiger wird

  • Bevölkerung: Mit über 1,4 Milliarden Menschen ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt.
  • Wachstum: Das BIP wächst mit 6,5 bis 7,4 Prozent deutlich schneller als in der EU, den USA oder China.
  • Markt: Die EU ist Indiens zweitgrößter Handelspartner – der Austausch wächst seit Jahren.
  • Industrie: Indien baut gezielt eigene Wertschöpfung auf, von Industrie bis IT.
  • Strategie: Für Europa ist Indien ein Schlüsselpartner zur Diversifizierung von Lieferketten.

Mehr als nur Wirtschaft

Für die EU ist Indien nicht nur ein Handelspartner, sondern auch ein geopolitischer Faktor.

Indien gilt als:

  • eigenständiger Akteur zwischen den Machtblöcken,
  • wichtiger Staat im Indo-Pazifik,
  • Partner ohne enge Bindung an die USA oder China.

Indien selbst verfolgt dabei eine klare Linie:

  • Kooperation ja,
  • strategische Abhängigkeit nein.

Diese Haltung prägt auch die Gespräche mit Europa.

Ein nüchterner Ausblick

Indien wird Europas neue Handelspolitik nicht allein tragen.
Aber es wird ein zentraler Baustein sein:

  • als Wachstumsmarkt,
  • als geopolitischer Partner,
  • als Ergänzung zu bestehenden Handelsbeziehungen.

Wer verstehen will, wie sich Europas wirtschaftliche Landkarte verändert, kommt an Indien nicht vorbei.

Nicht als Ersatz.
Sondern als Ergänzung.

(VOL.AT)

Leserbrief von Sabine Windberger aus Bregenz

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