Krisen verschieben die Kräfteverhältnisse, auch an den Börsen. Der aktuelle Konflikt rund um den Iran zeigt das besonders deutlich: Während manche Branchen unter den geopolitischen Spannungen leiden, profitieren andere massiv davon. Im Zentrum steht dabei ein Rohstoff, ohne den die Weltwirtschaft nicht auskommt: Öl.
Steigende Preise haben die Karten neu gemischt. Für Produzenten bedeutet das höhere Einnahmen, für Verbraucher steigende Kosten und für Investoren eine klare Trennlinie zwischen Gewinnern und Verlierern.
BP und Shell mit Rückenwind
Zu den klaren Profiteuren zählt der britische Energiekonzern BP. Das Unternehmen stellte für das erste Quartal ein außergewöhnlich gutes Ergebnis im Handelsgeschäft in Aussicht. Hintergrund ist der deutliche Preisanstieg beim Nordseeöl Brent, das zeitweise fast 120 Dollar pro Barrel erreichte. Im Schnitt lag der Preis im Quartal bei rund 78 Dollar, deutlich mehr als zuvor.
Auch das Raffineriegeschäft entwickelt sich positiv. Höhere Margen dürften das Ergebnis zusätzlich um bis zu 200 Millionen Dollar verbessern. Gleichzeitig deutet sich jedoch eine strategische Verschiebung an: BP will wieder stärker in Öl und Gas investieren, ein Schritt, der die Ambitionen im Bereich erneuerbarer Energien bremsen könnte.
Ähnlich optimistisch zeigt sich der Konkurrent Shell. Der Konzern rechnet ebenfalls mit einem deutlichen Gewinnanstieg. Vor allem das Tankstellengeschäft läuft besser als im Vorjahr.
Krieg trifft LNG-Geschäft hart
Doch die Krise hat auch Schattenseiten. Besonders betroffen ist das Geschäft mit Flüssigerdgas (LNG). Shell etwa kämpft mit Lieferproblemen aus Katar, wo iranische Angriffe die Produktion beeinträchtigen. Zusätzlich erschwert die blockierte Straße von Hormus den Transport.
Noch härter trifft es den US-Riesen ExxonMobil. Der Konzern musste im ersten Quartal rund sechs Prozent seiner weltweiten Produktion einbüßen. Besonders betroffen: ein LNG-Komplex in Katar, bei dem beschädigte Anlagen wohl jahrelange Reparaturen erfordern.
Zwar spülen die höheren Preise laut Exxon rund 2,5 Milliarden Dollar zusätzlich in die Kassen, die Ausfälle können sie aber nicht vollständig kompensieren. Unterm Strich dürfte der Gewinn daher sinken.
Golf-Region wird zum Schlüsselfaktor
Die Entwicklungen zeigen: Entscheidend ist derzeit weniger die Größe eines Konzerns als seine geografische Aufstellung. Wer stark im Persischen Golf engagiert ist, trägt ein höheres Risiko, aber auch größere Chancen.
Saudi Aramco, der weltweit größte Ölkonzern, bezeichnete den Konflikt zuletzt als "größte Krise", die die Branche in der Region je erlebt habe.
Börsen setzen auf Entspannung
An den Finanzmärkten überwiegt dennoch vorsichtiger Optimismus. Die Hoffnung auf neue Gespräche zwischen den USA und dem Iran sorgt für steigende Kurse. Der deutsche Leitindex DAX legte zeitweise um rund ein Prozent zu und überschritt sogar kurz die Marke von 24.000 Punkten.
(VOL.AT)