ORF in der Krise: Thurnher spricht über ein "desaströses" Bild und eine "Herkulesaufgabe"
Die langjährige ORF-Journalistin Ingrid Thurnher wurde mit der vorläufigen Führung der ORF-Geschäfte betraut, nachdem Generaldirektor Roland Weißmann am Sonntag von der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses zurückgetreten war. Hintergrund sind Vorwürfe rund um Fehlverhalten gegenüber einer Mitarbeiterin, die Weißmann zurückweist.
Thurnher, die seit über 40 Jahren dem ORF angehört, sagte im Interview mit Martin Thür: "Einerseits ist es die unglaublichste Ehre, jetzt dieses Unternehmen, dem ich seit 41 Jahren angehöre, leiten zu dürfen. Andererseits sind die Umstände alles andere als erfreulich." Zudem erklärte sie: "Das wird eine Herkulesaufgabe, das sage ich auch ganz offen." Das Bild, das der ORF abgebe, sei "desaströs", so Thurnher.
Aufarbeitung steht im Mittelpunkt
Ein zentraler Punkt ihrer neuen Funktion ist die Untersuchung der Vorwürfe gegen Weißmann. Thurnher betonte: "Bevor wir nicht ein klares Bild haben, was wirklich passiert ist, kann man dazu gar nichts sagen. (…) Ich habe bis jetzt keine konkreten Dinge gesehen oder gehört. Wir sind ganz am Beginn der Aufarbeitung. (…) Wir machen uns umgehend an die Arbeit."
Sie verwies dabei auch auf die Notwendigkeit einer unabhängigen Prüfung. "Es muss klargestellt sein, dass diese Menschen völlig unbeeinflusst, völlig unbeeindruckt von irgendwelchen Eigeninteressen oder sonstigen Verbindungen im ORF arbeiten können. Nur dann können wir eine volle Transparenz garantieren."
"Sehr genau hinschauen"
Thurnher sagte, man sei den Menschen "Transparenz" schuldig. "Wenn es hier Machtmissbrauch gibt, dann werde ich sehr genau hinschauen", so die vorläufige ORF-Chefin. Und weiter: "Ich hätte jetzt fast am liebsten gesagt: Es gibt kein Pardon."
Auch im Zusammenhang mit dem Manager Pius Strobl, der in der Causa erwähnt wird, erklärte Thurnher, sie müsse sich zunächst in die Hintergründe einarbeiten. Zugleich sagte sie: "Wenn was Wahres dran ist, wenn da irgendetwas nicht in Ordnung ist mit dem, was da passiert ist, dann werden wir es aufdecken und klarlegen."
Strukturen werden überprüft
Wie man Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern die "Aufreger der vergangenen Jahre" erkläre, beantwortete Thurnher mit dem Hinweis, man solle sich ansehen, ob die Institutionen im Haus gut aufgestellt seien. Sie nannte dabei Gleichstellungskommission, Compliance-Abteilung, Betriebsräte und eine Whistleblower-Hotline. Sollte der ORF in dieser Hinsicht "nicht ausreichend gut organisiert sein, werde ich sicher veranlassen, dass wir hier nachlegen", so Thurnher.
Es gehe um einen "lückenlosen Schutz für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" und um die "Glaubwürdigkeit". Das sei "das allerwichtigste Gut". Auf die Frage, ob es im ORF tiefergehende Probleme im Umgang mit Frauen gebe, antwortete sie: "Wenn es ein Problem gibt, dann vom Erdgeschoss bis zum sechsten Stock. Wie groß das im ORF ist, werden wir uns jetzt genau anschauen." Gleichzeitig wandte sie sich dagegen, alle (männlichen) Mitarbeiter "in einen Topf" zu werfen.
Bewerbung ab 2027 nicht ausgeschlossen
Ob sie sich für die nächste reguläre Periode ab 2027 als Generaldirektorin bewerben wolle, ließ Thurnher offen. Sie sei seit "100 Stunden mit dieser Situation" konfrontiert. Ausschließen wolle sie es nicht. "Ich kenne diese journalistischen Werkzeuge. Lassen wir es einfach dabei."
(VOL.AT)