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Pflege-System am Limit: "Enorme Herausforderungen"

Die Kritik an Österreichs Pflegepolitik wächst
Die Kritik an Österreichs Pflegepolitik wächst ©Canva
Die Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV), Elisabeth Potzmann, sieht das österreichische Pflegesystem vor "enormen Herausforderungen".

Vor dem Internationalen Tag der Pflegenden am Dienstag präsentiert Potzmann am Montagabend ihr neues Buch "Löcher stopfen. Pflegepolitik in Österreich zwischen Versagen und Hoffnung". Es solle als "Ermutigung für mutige Schritte" dienen, sagte sie zur APA.

Als eine der größten Herausforderungen benennt Potzmann den demografischen Wandel mit der zunehmend alternden Gesellschaft. Dies betreffe nicht nur die Altenpflege und -betreuung, sondern auch die Versorgung im Krankenhaus.

Optimierungsmöglichkeiten sieht sie etwa bei der nach wie vor zersplitterten Ausbildungslandschaft mit einer "unübersichtlichen Vielfalt an Ausbildungsmodellen" und bei den unklaren Qualitätsstandards. Thematisiert wird auch die fehlende Kompetenz des Bundes, die Rekrutierung von Pflegekräften aus dem Ausland, die Patientenlenkung und bauliche Mängel von Pflegeeinrichtungen.

In sechs Interviews lässt die Präsidentin Expertinnen und Experten zu Wort kommen, etwa die Pflegewissenschaftlerin Daniela Schoberer von der Meduni Graz. Auch sie fordert eine Harmonisierung der Ausbildungen, auch im Bereich der Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz.

Migration und Klimawandel

Migrationsforscherin Judith Kohlenberger verweist in einem weiteren Kapitel auf die Notwendigkeit der Zuwanderung, um den Pflegekräftemangel abzufedern. Gleichzeitig betont sie, dass Auslandsrekrutierung allein das Problem nicht lösen werde: "Sie kann den Mangel abmildern, mehr nicht." Daher brauche es einen Blick "in alle Richtungen", man müsse die Arbeitsbedingungen verbessern und die Berufe attraktiver gestalten.

Potzmann verweist auch auf Fragen der Ethik: Bei der Rekrutierung aus Drittstaaten müsse auch die Situation der Herkunftsländer berücksichtigt werden, diese dürfe auf deren Systeme nicht destabilisierend wirken.

Hitzesommer als Belastung

Ebenfalls thematisiert wird der auf den ersten Blick nicht mit der Pflege in Zusammenhang stehende Klimawandel. Dieser bringe mit vermehrten Hitzeperioden direkte Auswirkungen auf den Pflegebereich.

Unzureichende bauliche Infrastruktur wie fehlende Klimaanlagen in Pflegeheimen führt dazu, dass Bewohner und Bewohnerinnen im Sommer einer hohen Hitzebelastung ausgesetzt sind. Häufigere und längere Hitzeperioden würden zu Dehydratation, Kreislaufproblemen und Verschlechterungen chronischer Erkrankungen führen, Schlaf und Regeneration werden belastet.

Fehlende Bundeskompetenz

Auch in einem Interview mit dem Gesundheitsexperten Ernest Pichlbauer geht es um das "Stopfen" von Löchern: Während die Pflegeheime aufgrund der Historie der "Siechenhäuser" in die Zuständigkeit der Gemeinden fallen, sei die ambulante Pflege "nicht klar geregelt und deshalb auch wenig vorhanden". Hier geschehe "nichts anderes als Löcher stopfen" – über mobile Pflege und 24-Stunden-Betreuung.

Ähnlich sieht er die Finanzierungsfragen: Pflege sei bekanntlich Aufgabe der Bundesländer, da sie Teil des Sozialsystems ist, das föderal organisiert ist. Daher fehle die Bundeskompetenz, um "Long-Term-Care" bundesweit gesetzlich zu erfassen. Auch bei der Pflegegeldeinstufung sieht er Mängel: Diese vermische "wild" Pflege- und Betreuungsleistungen und messe das alles nur über einen Zeitfaktor. "So kann man nicht zwischen sozialer und medizinisch notwendiger Pflege unterscheiden."

Pichlbauer plädiert für eine bundeseinheitliche Klärung von Kompetenzen, die Pflege solle in das Gesundheitssystem integriert werden oder eine eigene Pflegekammer geschaffen werden, die auf Augenhöhe mit der Ärztekammer Standards beschließen könnte.

"Ermutigung für mutige Schritte"

Potzmann erklärte gegenüber der APA, sie wolle mit dem Buch problematische Muster im Pflegebereich beschreiben. "Fast noch wichtiger ist es mir aber, aufzuzeigen, dass das nicht so bleiben muss." Das Buch soll eine "Ermutigung für mutige Schritte" und ein "Bekenntnis zu Qualität in der Versorgung der Bevölkerung" sein. Gerichtet ist das Buch laut Verlag nicht nur an Fachleute, sondern bewusst an Politik, Entscheidungsträgerinnen und -träger und auch an die breite Öffentlichkeit.

(APA)

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