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Schwangerschaft schützt vor MS-Schüben: Forscher entdecken neue Immunachse

Während der Schwangerschaft kommt es bei MS-Patientinnen deutlich seltener zu Krankheitsschüben. Forscher haben nun einen neurologischen Schutzmechanismus entdeckt, der daran beteiligt ist.
Während der Schwangerschaft kommt es bei MS-Patientinnen deutlich seltener zu Krankheitsschüben. Forscher haben nun einen neurologischen Schutzmechanismus entdeckt, der daran beteiligt ist. ©Canva
Während einer Schwangerschaft erleben viele Frauen mit Multipler Sklerose (MS) eine überraschende Erleichterung: Die Zahl der Schübe kann um bis zu 80 Prozent sinken. Warum das so ist, war bisher nicht vollständig geklärt.

Ein Forschungsteam rund um Prof. Dr. Manuel Friese vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat nun einen bislang unbekannten Mechanismus im Gehirn entschlüsselt – mit möglicherweise weitreichenden Folgen für die Behandlung der Erkrankung.

Nervenzellen im Hirnstamm wirken als Immun-Schalter

Im Zentrum der Entdeckung stehen spezielle Nervenzellen im Hirnstamm. Diese Zellen sind in der Lage, sowohl Signale des Fötus als auch Entzündungsreize im Körper wahrzunehmen – und darauf zu reagieren. Sie aktivieren über das sympathische Nervensystem bestimmte Organe, darunter die Milz, um entzündungshemmende Neurotransmitter wie Noradrenalin freizusetzen. Die Folge: Das Immunsystem wird gezielt gedämpft, Entzündungszellen werden daran gehindert, ins zentrale Nervensystem einzudringen.

Was ist Multiple Sklerose (MS)?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems – also von Gehirn und Rückenmark. Das Immunsystem greift dabei irrtümlich Nervenzellen an, was Entzündungen und dauerhafte Schäden verursachen kann.

Die Symptome sind vielfältig: von Sehstörungen über Muskelschwäche bis hin zu Konzentrationsproblemen. MS betrifft in Österreich vor allem junge Erwachsene, besonders Frauen. Die Erkrankung ist bisher nicht heilbar, kann aber durch moderne Therapien positiv beeinflusst werden.

"Unser Ziel war es, zu verstehen, wie die Schwangerschaft die erhöhte Entzündungsaktivität der MS reguliert", sagt Prof. Friese, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose des UKE. "Dabei konnten wir erstmalig zeigen, dass das Gehirn den Zustand des Immunsystems aktiv überwacht und regulierend eingreifen kann."

GDF-15: Ein Botenstoff mit Potenzial

Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Botenstoff GDF-15 (Growth/differentiation factor-15), der während der Schwangerschaft vermehrt vom Fötus produziert wird. Auch bei MS-Patientinnen außerhalb der Schwangerschaft ist dieser Stoff erhöht – ein Hinweis darauf, dass der Körper von sich aus versucht, der Entzündung entgegenzuwirken. Überraschend für die Forscher: Der passende Rezeptor für GDF-15 befindet sich nicht etwa auf Immunzellen, sondern ausschließlich auf bestimmten Nervenzellen im Hirnstamm.

Diese neue Verbindung zwischen Gehirn und Immunsystem könnte neue Wege in der MS-Therapie eröffnen. Denn: Der betreffende Signalweg liegt außerhalb der Blut-Hirn-Schranke – ein entscheidender Vorteil. Medikamente oder Gentherapien könnten dort wesentlich einfacher ansetzen als im schwer zugänglichen Inneren des Gehirns.

Gentherapie zeigt im Mausmodell Wirkung

In präklinischen Studien an Mäusen testeten die Forscher, ob sich dieser Schutzmechanismus auch gezielt verstärken lässt. Und tatsächlich: Sowohl die Verabreichung von rekombinantem GDF-15 als auch eine gezielte Gentherapie führten dazu, dass die Krankheitsaktivität deutlich sank oder ganz gestoppt wurde.

"Obwohl diese Nervenzellen nur in geringer Zahl vorhanden sind, können sie die Immunantwort so stark unterdrücken, dass keine Entzündungszellen mehr ins Gehirn und Rückenmark eindringen", erklärte Dr. Jana Sonner, Erstautorin der Studie.

Hoffnung auf neue Therapien

Die Erkenntnisse könnten in Zukunft nicht nur MS-Patientinnen während der Schwangerschaft helfen, sondern generell neue Therapieansätze ermöglichen – etwa durch gezielte Aktivierung dieses immunmodulierenden Signalwegs.

Beteiligt an der internationalen Studie waren neben dem UKE auch die Charité in Berlin, das Universitätsklinikum Würzburg, die Universität Michigan und das Unternehmen Novo Nordisk. Die Arbeiten wurden vom Sonderforschungsbereich 1713 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

Die vollständigen Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Immunology veröffentlicht.

(VOL.AT)

Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine medizinische Diagnose, Behandlung oder Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.

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