"Stoff - ein Spitzengeschäft": Ein Film beleuchtet Lustenaus Verst(r)ickungen mit Nigeria
Rund 4500 Kilometer trennen Lustenau und Lagos in Nigeria – doch die beiden Orte verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Über Jahrzehnte hinweg fanden prächtige, bunt bestickte Stoffe aus der Vorarlberger Textilindustrie ihren Weg auf Märkte, in Geschäfte und Kleiderschränke in Nordnigeria. Ende des 18. Jahrhunderts nahm die Stickerei und Spinnerei in Vorarlberg Fahrt auf und wurde der Motor seiner Industrialisierung. Bis in die 1970er Jahre war die Textilindustrie ein sehr lukratives Geschäftsmodell und besonders Lustenau schaffte durch zahlreiche Textilbetriebe einen schnellen Aufstieg.
"Die Stickerei machte Lustenau reich" bringt es der Film in 88 Minuten auf den Punkt. Und er zeigt zugleich, dass dahinter ein Geschäftsmodell steckte, das eng mit Ausbeutung und ungleichen Handelsstrukturen verknüpft war. Im 18. und 19. Jahrhundert war Leinen aus regionalem Flachs im transatlantischen Sklavenhandel eine zentrale Tauschwährung. Über den Hafen Triest nach Westafrika verschifft, wurde es dort gegen Sklaven eingetauscht, die vor allem in Savannah im Süden der USA auf Auktionen verkauft wurden. Sie mussten auf Plantagen Baumwolle ernten, die in Europa zu Stoffen verarbeitet wurde. Viele Frauen fanden so in den Vorarlberger Textilfabriken Arbeit – teils unter ausbeuterischen Bedingungen.
©Stadtkino Filmverleih
Nach dem Boom kam das Ende abrupt
Der rege Austausch zwischen Nigeria und Vorarlberg kam 1977 abrupt zum Erliegen, als die nigerianische Regierung Stickereien als Luxusgut einstufte und deren Einfuhr verbot. Die Geschäfte liefen über das Nachbarland Benin, ein Jumbo-Jet pro Woche flog die Vorarlberger Ware ein – getarnt und deklariert als Schulbücher. „Dann war wieder das Thema: Wie bring‘ ich das Geld aus diesem Land heraus?“, erinnert sich Margarethe Bösch, die viele Jahre die Stoffe nach Lagos verkaufte. In Hartschalenkoffern gingen die Geldscheine auf die Reise zu Stickereien in Österreich.
Produziert wurde der Film von Katharina Weingartner gemeinsam mit der Harderin Anette Baldauf sowie Joana Adesuwa Reiterer und Chioma Onyenwe aus Nigeria. Gedreht wurde zwischen 2023 und 2024 in Vorarlberg, Nigeria und Wien. In Lustenau diente unter anderem das Stickereimuseum S-MAK als Drehort. „Historiker haben die Gründe für den Wohlstand in Vorarlberg nie wirklich aufgearbeitet“, beschreibt Weingartner ihre Motivation für den Film.
Der Film regt eine Aufarbeitung an
Auch ein begleitendes Citizen-Science-Projekt setzt sich mit der Vergangenheit auseinander. In Form eines Soziodramas arbeiten Bürger die Geschichte auf und suchen nach einem Umgang damit. Am 16. Mai findet die Abschluss-Veranstaltung vor dem Hartlauer in Feldkirch statt, in dem früher die Kolonialwarenhandlung war. Dabei stellt sich auch die Frage, ob es in Lustenau ein Bewusstsein für das begangene Unrecht gab. Denn während die Rolle türkischer Gastarbeiterinnen in den Textilbetrieben bekannt ist, beleuchtet der Film erstmals die Verbindungen zwischen Vorarlberger Textilhandel, Afrika und dem transatlantischen Handel mit Versklavten.
Seine Vorarlberg-Premiere feierte der Film im Kino am Spielboden in Dornbirn am 14. März. "Es war Wochen vorher ausverkauft", erzählt Weingartner. Das sind die weiteren Vorstellungen in Vorarlberg:
- Cineplexx Lauterach: 20. März
- Spielboden Dornbirn: 21. & 27. März, 3. April
- Kinothek Lustenau: 23., 25. & 26. März, 2. April
- TaSKino GUK Feldkirch: 27. März (Filmgespräch mit Katharina Weingartner und Nurcan Bakmaz) 28. & 29. März, 15., 17., 18. & 19. April
(VOL.AT/Isabel Lochbühler)