"Viele tun sich schwer, Hilfe zu holen": Influencerin Larissa Immler nutzt ihre Reichweite für mentale Gesundheit am Bauernhof
16.500 Menschen verfolgen, wie die 29-Jährige aus Eichenberg auf ihrem Hof mit Hühnern und Kühen lebt, arbeitet und Herausforderungen erlebt. Immler spricht aber auch ernste Themen an – und nutzt ihre Reichweite für mehr Bewusstsein dafür, wie wichtig, aber auch anstrengend die Arbeit als Landwirt sein kann.
Sie genießt einen der schönsten Blicke auf den Bodensee: Larissa Immler (29) betreibt in Eichenberg gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Eltern den Immler-Hof. Kühe auf die Weide lassen, Hühner füttern, Eier sammeln und kennzeichnen, misten, melken und Fleisch verarbeiten – das sind nur einige der täglichen Aufgaben. Über Überforderung und Überarbeitung in der Landwirtschaft redet die Gesellschaft fast nicht. Immler will das ändern.
Vor acht Jahren hat sie den Hof mit Kühen und Schafen von ihren Eltern übernommen. 21 Jahre alt war sie damals. Später kamen auch Hühner dazu. Heute macht ein Metzger Fleischpakete, sie verkaufen Eier oder verarbeiten sie zu Nudeln. Die Produkte gehen über die Direktvermarktung vor allem an Stammkunden. Ihre Mutter hilft im Haushalt, ihr Vater auf der Weide. Die Verantwortung tragen Immler und ihr Mann Sebastian: „Wir versuchen das zu zweit zu managen.“
"Wünsche mir Akzeptanz und Wertschätzung"
Sieben-Tage-Wochen und 17-Stunden-Arbeitstage gehören für die Familie zum Alltag. Wenn eine Kuh kalbt, wird auch nachts gearbeitet. „Es kann sein, dass man am Sonntag Gülle ausbringt, wenn am Montag Regen angesagt ist. Weil es nicht anders geht“, sagt Immler. Dafür wünsche sie sich mehr Akzeptanz und Wertschätzung von Menschen außerhalb der Landwirtschaft.
Um zu zeigen, was auf einem Hof tatsächlich passiert, betreibt Immler einen Instagram-Kanal mit rund 16.500 Followern. Zwei bis drei Stunden täglich investiert sie zusätzlich in das Drehen, Schneiden und Hochladen von Videos.
Sie zeigt das Leben als Landwirtin ungeschönt: dankbar und frei, aber auch anstrengend und von zahlreichen Auflagen geprägt. "Damit die Menschen wieder wissen, was in der Landwirtschaft eigentlich passiert."
Was Landwirte belastet
Mehrere Faktoren können bei Landwirtinnen und Landwirten dauerhaft Druck und Stress erzeugen.
24/7 im Einsatz
Wohnen und Arbeiten finden oft am selben Ort statt. Dadurch fehlen räumliche Distanz und echte Erholungsphasen – viele sind ständig auf Abruf.
Kaum beeinflussbare Faktoren
Preisschwankungen, Wetterextreme und politische Vorgaben können die wirtschaftliche Planung erschweren und zusätzlichen Stress verursachen.
Fehlende Wertschätzung
Der Verlust gesellschaftlicher Anerkennung und ein geringes Bewusstsein für die Bedeutung der landwirtschaftlichen Arbeit werden als belastend erlebt.
Mit Problemen allein
Viele Betroffene haben das Gefühl, Belastungen und schwierige Entscheidungen ohne ausreichende Unterstützung bewältigen zu müssen.
Besonders gefährdet
Besonders betroffen sind Frauen, jüngere Bauern und Alleinstehende.
Quelle: Studie der Donau-Universität Krems und der Universität Wien (2026)
Doch nicht immer kommt ihr Engagement im Netz gut an. In Nachrichten wird Immler als „Ausbeuter“ oder „Tierquäler“ beschimpft, teils wird ihr vorgeworfen, die Umwelt zu zerstören. Wer Einblicke in die Landwirtschaft gebe, biete auch Angriffsfläche für Kritik, falsche Behauptungen und Vorurteile, sagt sie öffentlich auf Instagram. Dort ist sie seit 2024 als Farmfluencerin aktiv.
Services für die mentale Gesundheit von Landwirten
Wie belastend der 24-Stunden-Beruf sein kann, zeigt das Angebot der Initiative "Lebensqualität Bauernhof". Sie bietet ein bäuerliches Sorgentelefon, psychosoziale Beratung und Workshops an – etwa zu Arbeitsbelastung, Partnerschaft sowie zur Vorbeugung von Burnout und Depressionen. Immler sprach auch dort über Druck, Erwartungen und Verantwortung.
Auflagen und Überwachung über Satellit
Zusätzlichen Druck verursache die Bürokratie: "Für alles brauchst du einen Zettel. Für alles brauchst du irgendeine Bestätigung." Auch das Flächenmonitoring kritisiert sie. "Sobald du eine Betriebsnummer hast, wirst du automatisch über Satelliten überwacht", sagt Immler. "Wann wir mähen, wie wir mähen, wie oft wir gemäht haben, was wir gesät haben." Damit wird geschaut, ob Biodiversitätsflächen erhalten bleiben und der Naturschutz umgesetzt ist. Mit einer Auflösung von zehn auf zehn Meter je Pixel wird auf die jeweiligen Betriebe gezoomt.
Die Überprüfung der Auflagen passiert durch die AMA, die in Österreich die EU-Förderungen an Landwirte auszahlt. Den Landwirten bleibe damit "eine Vielzahl sonst notwendiger Vor-Ort-Kontrollen" erspart, heißt es auf Anfrage von der Vorarlberger Landwirtschaftskammer: Wie oft und wie viele Tiere auf der Weide sind, könne dadurch nicht festgestellt werden.
Immler wünscht sich, dass Landwirten mehr zugehört wird, wie sie ihre Arbeit machen und warum sie sie so machen, bevor darüber geurteilt werde. Denn oft stecke mehr dahinter als Außenstehende vermuteten.
(VOL.AT/Isabel Lochbühler)