Vulkan-Albtraum in Europa? Klimawandel lässt Bardarbunga erwachen
Ein Wiedererwachen von Bardarbunga, einem der größten Vulkane Islands, scheint näherzurücken. Seit Jahresbeginn 2025 registrieren Seismologen eine Zunahme von Erdbeben in der Region – ein mögliches Zeichen, dass sich unter der Oberfläche wieder Magma sammelt.
Bardarbunga liegt unter dem Vatnajökull, dem größten Gletscher Europas. Sollte der Vulkan ausbrechen, könnten die Folgen erheblich sein. Bereits 2014 hatte Bardarbunga Islands größte Eruption seit über 200 Jahren ausgelöst.
Gefahr unter dem Eis
Rund die Hälfte der aktiven Vulkansysteme in Island ist von Eis bedeckt. Forscher untersuchen derzeit eine Theorie, die durch den menschengemachten Klimawandel neue Aktualität erhält: Schmelzende Gletscher könnten vulkanische Ausbrüche häufiger und heftiger machen.
Wissenschafter verweisen auf historische Parallelen. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 15.000 Jahren verschwand das Eisschild über Island binnen weniger Tausend Jahre – begleitet von einem 30- bis 50-fachen Anstieg der Ausbruchsrate. Diese Phase dauerte rund 1500 Jahre.
Laut der Vulkanologin Michelle Parks vom Isländischen Wetteramt wird seither untersucht, ob auch der heutige Rückgang des Gletschereises eine neue Phase erhöhter vulkanischer Aktivität einleiten könnte.
Globale Dimension
Die Erkenntnisse aus Island könnten weltweite Bedeutung haben. Einer Studie zufolge liegen weltweit 245 bekannte Vulkane ganz oder teilweise unter Gletschern. Rund 160 Millionen Menschen leben im Umkreis von 100 Kilometern um einen dieser "Eisvulkane", etwa 200.000 sogar im direkten Nahbereich von drei Kilometern.
Solche Vulkane gibt es nicht nur in Island, sondern auch in Alaska, Südamerika, Kamtschatka und unter dem antarktischen Eisschild.
Druckentlastung fördert Magmabildung
Glaziologen und Geophysiker erklären den Mechanismus: Gletscher üben durch ihr Gewicht Druck auf den Untergrund aus. Wenn das Eis schmilzt, nimmt dieser Druck ab – vergleichbar mit einem Sitzkissen, das sich hebt, wenn man aufsteht. Unterirdisch kann dadurch mehr Magma entstehen.
In Island berechneten Forscher, dass sich die Magmaproduktion infolge der Eisschmelze verdoppelt hat. Unklar ist allerdings, wann das zusätzliche Magma tatsächlich zu einem Ausbruch führt.
Auch bestehende Magmakammern können durch veränderte Kräfteverhältnisse beeinflusst werden. Je nach Geometrie kann dies Ausbrüche beschleunigen – oder verzögern und dadurch stärkere Eruptionen vorbereiten.
Beispiel Südamerika
In Chile untersuchte der Geowissenschafter Pablo Moreno-Yaeger die vulkanische Geschichte von sechs eisbedeckten Vulkanen, darunter der Mocho-Choshuenco. Die Daten zeigen: Während der Eiszeit unterdrückte das massive Eisschild vulkanische Aktivität. Als das Eis rasch abschmolz, kam es zu heftigen Ausbrüchen – ausgelöst durch plötzlichen Druckverlust und das Entweichen aufgestauter Gase.
Ungewisse Reaktionszeiten
Ein zentrales Problem: Der zeitliche Abstand zwischen Eisschmelze und Vulkanausbruch ist schwer vorherzusagen. In Chile betrug er mehrere Tausend Jahre – geologisch ein kurzer Moment, für die menschliche Zeitskala aber bedeutungslos.
Ob in der heutigen, sich rasch erwärmenden Welt ähnliche Effekte innerhalb von Jahrzehnten eintreten können, ist offen. Sicher ist: Eisüberdeckte Vulkane gelten als besonders gefährlich. Wenn Lava Gletschereis schmilzt, können in kürzester Zeit gewaltige Mengen Wasser entstehen. Die Folge sind Schlammlawinen und Überschwemmungen – wie 1985 beim Ausbruch des kolumbianischen Vulkans Nevado del Ruiz, bei dem über 23.000 Menschen starben.
Rückkopplung mit dem Klima
Hinzu kommt eine weitere, potenziell brisante Wechselwirkung: Vulkanausbrüche können selbst das Klima beeinflussen – etwa durch die Freisetzung von Treibhausgasen oder durch Schwefelpartikel, die Sonnenlicht reflektieren und eine Abkühlung auslösen.
Mehrere aufeinanderfolgende Ausbrüche könnten aber auch zu zusätzlicher Erwärmung führen. Eine "positive Rückkopplung", wie es Forscher nennen: Schmelzendes Eis fördert Eruptionen, und Eruptionen beschleunigen die Eisschmelze.
Was letztlich passiert, bleibt offen. "Wenn wir über Klimawandel sprechen, sprechen wir über Chaos", sagte Pablo Moreno-Yaeger.
(VOL.AT)