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Wegen Pentagon-Deal: Millionen Nutzer kehren ChatGPT den Rücken

Katy Perry wechselt – und ChatGPT rutscht im Ranking ab.
Katy Perry wechselt – und ChatGPT rutscht im Ranking ab. ©AFP
Ein Screenshot, ein Ultimatum aus Washington und Millionen verärgerte Nutzer: Nach einem umstrittenen Militärvertrag von OpenAI mit dem US-Verteidigungsministerium wechseln zahlreiche User zur Konkurrenz. Selbst Prominente mischen mit.

Ein einziges Wort reichte: "Done." Mehr schrieb Popsängerin Katy Perry am Samstag nicht, als sie auf X einen Screenshot veröffentlichte. Zu sehen war ein neues Abo – allerdings nicht bei ChatGPT, sondern beim KI-Chatbot "Claude" der Firma Anthropic. 85 Millionen Menschen folgen Perry, mehr als zwölf Millionen sahen den Beitrag binnen kurzer Zeit.

Sie ist nicht allein. In den USA kletterte Claude zuletzt auf Platz 1 im Apple App Store. In der Schweiz liegt die App aktuell auf Platz 2 – direkt hinter der Login-App AGOV, die in mehreren Kantonen für die Steuererklärung benötigt wird. ChatGPT hingegen fiel auf Platz 5 zurück.

Das Ultimatum aus Washington

Auslöser der Entwicklung ist ein politischer Konflikt in den USA. Am 24. Februar stellte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth der Firma Anthropic ein Ultimatum: Entweder gewähre das Unternehmen dem Pentagon uneingeschränkten Zugang zu Claude für "alle gesetzlich erlaubten Zwecke", oder der bestehende Militärvertrag werde beendet.

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth. ©AFP

Anthropic-CEO Dario Amodei lehnte ab. "Wir können dem nicht guten Gewissens zustimmen", erklärte er. Das Unternehmen wolle nicht, dass seine KI für Massenüberwachung von US-Bürgerinnen und -Bürgern eingesetzt werde. Zudem solle bei autonomen Waffensystemen stets ein Mensch die letzte Entscheidung treffen.

Die Frist verstrich. US-Präsident Donald Trump forderte daraufhin auf seiner Plattform Truth Social, sämtliche Bundesbehörden sollten "sofort" auf Produkte von Anthropic verzichten. Verteidigungsminister Hegseth bezeichnete das Unternehmen als "Supply-Chain-Gefahr für die nationale Sicherheit" – eine Formulierung, die bislang vor allem für ausländische Akteure verwendet wurde.

OpenAIs schneller Deal

In dieses Vakuum stieß OpenAI. Firmenchef Sam Altman erklärte kurz darauf, sein Unternehmen habe einen Deal mit dem Pentagon abgeschlossen – ebenfalls mit "roten Linien": keine Massenüberwachung, kein autonomes Töten ohne menschliche Kontrolle.

OpenAI-CEO Sam Altman. ©AFP

Laut "New York Times" soll Altman jedoch bereits einen Tag nach dem Ultimatum an Anthropic Kontakt mit dem Pentagon aufgenommen haben. Innerhalb von 24 Stunden sei die Vereinbarung zustande gekommen.

Kritik entzündete sich an der Formulierung "gesetzlich erlaubt". Was darunter fällt, definiert in letzter Instanz die jeweilige Regierung. Amodei warnte in einem CBS-Interview, der Staat könne kommerzielle Datensätze – etwa Bewegungsprofile, Browser- oder Finanzdaten – legal erwerben und mithilfe von KI auswerten. Technisch sei das zulässig, faktisch handle es sich um Massenüberwachung.

Eine OpenAI-Sprecherin widersprach. Das System dürfe US-Daten "weder gebündelt noch offen noch verallgemeinert" analysieren. Der ehemalige OpenAI-Forschungsleiter Miles Brundage hingegen sagte laut "The Verge", OpenAI sei "eingeknickt und habe so getan, als wäre es das nicht".

Boykott mit Millionen Beteiligten

Der Unmut blieb nicht auf Fachkreise beschränkt. In den App-Stores häuften sich Ein-Stern-Bewertungen für ChatGPT. Nach Angaben der Initiatoren beteiligten sich weltweit mehr als 2,5 Millionen Menschen an der Boykottkampagne "QuitGPT". Vor dem OpenAI-Büro in San Francisco kam es zu Protesten.

Die Bewegung hatte allerdings bereits vor dem Pentagon-Deal begonnen. Hintergrund sind politische Spenden aus dem Umfeld des Unternehmens: OpenAI-Präsident Greg Brockman und seine Frau Anna überwiesen 25 Millionen Dollar an "MAGA Inc.", einen Fonds der Trump-Bewegung. CEO Sam Altman spendete eine Million Dollar anlässlich von Trumps Inaugurationsfeier. Zudem bestehen Verträge zwischen OpenAI und der US-Einwanderungsbehörde ICE, die seit Razzien im Jänner in der Kritik steht. Für viele war der Pentagon-Deal offenbar der letzte Auslöser.

Am Montag räumte Altman ein, die Vereinbarung habe "opportunistisch und schlampig" gewirkt. Neue Vertragsklauseln sollten nun den indirekten Einsatz kommerzieller Datensätze zur Überwachung ausschließen. Geheimdienste wie die NSA erhielten keinen Zugang; dafür wäre ein eigener Vertrag nötig, so Altman.

Anthropic kündigte an, die Einstufung als "Supply-Chain-Gefahr" gerichtlich anzufechten.

Eine Branche im Wandel

Ganz frei von Militärkooperationen ist auch Anthropic nicht. Bereits seit 2024 lief Claude über die Überwachungsfirma Palantir auf klassifizierten Militärnetzwerken. Medienberichten zufolge kam die KI auch bei einer umstrittenen US-Militäroperation im Jänner zum Einsatz, bei der Venezuelas Präsident Nicolás Maduro verschleppt wurde und Dutzende Menschen ums Leben kamen.

Auch andere Tech-Konzerne sind involviert: Elon Musks Firma xAI unterzeichnete im Februar eine Vereinbarung mit dem Pentagon für geheime Systeme. Google wiederum strich im Februar 2025 interne Selbstverpflichtungen gegen KI für Waffen und Überwachung.

Die britische Menschenrechtsorganisation Privacy International sieht darin einen grundlegenden Kurswechsel. Die "roten Linien" der Konzerne seien einst nützlich für Rekrutierung, Investoren und Marketing gewesen, heißt es in einer Stellungnahme. Heute seien sie hinderlich. "Eine ganze Branche hat sich nun auf den Krieg umgestellt." Wenn nicht mehr einzelne Firmen, sondern die gesamte Industrie kooperiere, brauche es gesetzliche Regeln – nicht nur freiwillige Versprechen.

(VOL.AT)

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