Weniger Schafe, mehr Rinder: Rätsel um Wölfe in den Alpen
In der norditalienischen Bergregion Lessinia beobachten Fachleute ein Jagdverhalten von Wölfen, das sich klar von üblichen Mustern in Europa unterscheidet. Während Wölfe sonst vor allem Schafe und Ziegen reißen, konzentriert sich das dortige Rudel überwiegend auf Rinder. Darauf weist der aktuelle Raubtierbericht "Rapporto Grandi Carnivori 2025" hin, der auch eine Masterarbeit zu Wolfsangriffen in der Region berücksichtigt.
Seit der Ansiedlung des ersten Rudels der östlichen Alpen im Jahr 2013, an der Grenze zwischen der Provinz Trient und Venetien, wurden zwischen 2012 und 2024 insgesamt 711 Angriffe dokumentiert. Betroffen waren 952 Nutztiere. Auffällig: Rund 92 Prozent dieser Attacken richteten sich gegen Rinder. Besonders häufig ereigneten sich die Vorfälle auf Almen – allein dort wurden 499 Angriffe mit 574 betroffenen Rindern gezählt.
Verhalten widerspricht gängigen Mustern
Neben der Beuteauswahl fällt auch der Ort der Angriffe auf. Wölfe meiden üblicherweise offene Flächen und halten sich eher in bewaldeten Gebieten auf. In Lessinia hingegen kommt es vermehrt zu Angriffen in der Nähe von Bergweiden – also in Gebieten mit stärkerer menschlicher Nutzung.
Fachleute sprechen deshalb von einem "ungewöhnlichen Szenario". Studien, unter anderem von Wildtierökologin Liana Zanette, zeigen, dass Wölfe normalerweise menschliche Nähe vermeiden. In Lessinia scheint diese Scheu teilweise reduziert zu sein. Als möglicher Grund gilt die Anpassung an die lokalen Gegebenheiten: Rinder sind dort die dominierende Form der Weidewirtschaft und damit konstant verfügbar.
Anpassung an regionale Bedingungen
Die Beobachtungen deuten darauf hin, dass Wölfe ihr Jagdverhalten flexibel anpassen können. Die regelmäßige Präsenz von Rindern auf Almen könnte dazu geführt haben, dass die Tiere diese Beute gezielt nutzen. Fachleute betonen daher, dass Schutzmaßnahmen für Nutztiere stärker an regionale Besonderheiten angepasst werden müssen, anstatt sich ausschließlich an allgemeinen Modellen zu orientieren.
Wildtiere bleiben Hauptnahrung
Unabhängig davon bleibt der Anteil von Nutztieren in der Wolfsnahrung insgesamt gering. Untersuchungen des Senckenberg-Forschungsinstituts auf Basis von mehr als 2.000 Kotproben zeigen, dass sich Wölfe in Deutschland zu über 90 Prozent von wildlebenden Huftieren ernähren. Rehe machen dabei den größten Anteil aus, gefolgt von Rothirschen und Wildschweinen. Nutztiere spielen mit weniger als einem Prozent nur eine untergeordnete Rolle.
Der Naturschutzbund NABU erklärt dieses Verhalten damit, dass Wölfe als opportunistische Jäger möglichst energieeffizient vorgehen. Gut geschützte Herden – etwa durch Elektrozäune oder Herdenschutzhunde – werden in der Regel gemieden.
Die Entwicklung in Lessinia zeigt jedoch, dass lokale Bedingungen das Verhalten von Wildtieren maßgeblich beeinflussen können – und damit auch neue Herausforderungen für Landwirtschaft und Herdenschutz entstehen.
(VOL.AT)