Wrack der "Dannebroge" entdeckt: Sensationsfund in Kopenhagen nach 225 Jahren
Wettlauf gegen die Zeit unter Wasser
Mehr als zwei Jahrhunderte lag sie verborgen am Meeresgrund – nun ist sie wieder aufgetaucht: die "Dannebroge", einst Flaggschiff der dänischen Flotte. Marinearchäologen entdeckten das Wrack in rund 15 Metern Tiefe im Hafen von Kopenhagen. Die Sicht: nahezu null. Der Boden: dicht mit Sediment bedeckt.
Die Zeit drängt. Denn genau dort entsteht mit "Lynetteholm" ein neues Stadtviertel. Noch bevor Bagger und Bauarbeiten den Meeresgrund verändern, versuchen die Forscher, so viele Spuren wie möglich zu sichern.
Symbol nationaler Geschichte
"Das ist ein großer Teil des dänischen Nationalgefühls", sagte Morten Johansen, Leiter der maritimen Archäologie am Wikingerschiffmuseum, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Das Museum koordiniert die mehrmonatigen Grabungen.
Zwar sei die Schlacht von 1801 vielfach beschrieben worden, so Johansen. "Aber wie es wirklich an Bord war, wenn ein Schiff beschossen wird, können wir vielleicht erst jetzt besser verstehen."
Die Schlacht von Kopenhagen
Am 2. April 1801 griff die britische Flotte unter Admiral Horatio Nelson die dänische Marine an. Ziel war es, Dänemark aus einem Bündnis mit Russland, Preußen und Schweden zu lösen. Die Kämpfe dauerten Stunden, tausende Soldaten wurden getötet oder verletzt.
Im Zentrum: die 48 Meter lange "Dannebroge" unter Commodore Olfert Fischer. Sie geriet ins Visier der Briten, wurde schwer getroffen und fing nach Beschuss mit Brandmunition Feuer.
"Es muss ein Albtraum gewesen sein", sagte Johansen. Nicht die Kanonenkugeln selbst seien oft tödlich gewesen, sondern Holzsplitter, die wie Schrapnelle durch das Schiff flogen.
Explosion mit Folgen
Schließlich bot Nelson einen Waffenstillstand an. Die schwer beschädigte "Dannebroge" trieb jedoch weiter, bevor sie explodierte. Zeitzeugen berichten von einem ohrenbetäubenden Knall, der über Kopenhagen hinweg hallte.
Die Schlacht gilt auch als Ursprung der Redewendung "ein Auge zudrücken". Nelson soll ein Signal seines Vorgesetzten ignoriert und gesagt haben: "Ich habe nur ein Auge, ich darf manchmal blind sein."
Funde erzählen von den letzten Stunden
Die Taucher stießen auf Kanonen, Uniformteile, Abzeichen, Schuhe und Flaschen. Besonders eindrücklich: ein Teil eines menschlichen Unterkiefers – möglicherweise von einem der 19 bis heute vermissten Besatzungsmitglieder.
Die Identifizierung des Wracks gelang durch mehrere Hinweise. Holzproben wurden mittels Dendrochronologie datiert und stimmen mit dem Baujahr des Schiffes überein. Auch Größe und Bauweise passen zu historischen Zeichnungen.
Arbeiten am Limit
Die Bedingungen unter Wasser sind extrem. "Manchmal sieht man gar nichts", sagte Taucherin und Archäologin Marie Jonsson. "Dann muss man sich vortasten und mit den Fingern sehen."
Zusätzlich erschweren verstreute Kanonenkugeln die Arbeit – eine ständige Gefahr in der dunklen, aufgewühlten Umgebung.
(VOL.AT)